Motor Learning

Jede unserer Bewegungen erfordert ein komplexes Zusammenspiel verschiedener Muskelgruppen und einzelner Muskelfasern. Nach einem neurologischen Vorfall gerät dieses Zusammenspiel aus dem Gleichgewicht. Natürliche Bewegungen sind nicht möglich und wirken sehr hölzern. Doch das menschliche Gehirn verfügt über unglaubliche Möglichkeiten, sich zu regenerieren und verloren geglaubte Fähigkeiten wiederzuerlangen. Interessanterweise ist bei älteren Menschen diese Fähigkeit nicht etwa reduziert, sondern scheint gegenüber jüngeren sogar noch stärker ausgeprägt zu sein!

Dabei spielt nicht nur die hohe Repetition eine wichtige Rolle, sondern auch die Eigenaktivität und Motivation des Patienten. Jedes Gangtraining ist anfangs anstrengend und kräftezehrend. Aber mit gezieltem Coaching durch den Therapeuten, Ganganalyse, und die Arbeit mit weiteren Hilfsmitteln wie Orthesen oder Spiegeln wird Gehen zu einem bewussten Prozess und macht vor allem wieder Spaß.

Die Motor Learning Forschung der letzten Jahre und Jahrzehnte kann mittlerweile ziemlich klare Aussagen treffen, welche Therapieformen und Strategien beim Wiedererwerb der Gehfähigkeit erfolgreich sind und welche nicht. Die Wirksamkeit der zentralen Motor Learning Prinzipien ist wissenschaftlich völlig unumstritten, wird aber nach wie vor in vielen Rehabilitationseinrichtungen nicht korrekt und konsequent angewendet. Sprechen Sie mit Ihrem Arzt und Therapeuten über Ihre Gehbehinderung und verlangen Sie eine evidenzbasierte und auf Motor Learning basierende Gangtherapie.

Eine Übersicht über die wichtisten Motor Learning Prinzipien finden Sie nachstehend:

Um eine neue Bewegung zu lernen, bzw. eine verloren gegangene Bewegung wieder zu erlernen, sind sehr viele Wiederholungen notwendig. Besteht der Anspruch, dass eine Bewegung automatisiert und mit reduzierter Aufmerksamkeit ablaufen soll („ich muss während dem Gehen nicht immer nur ans Gehen denken“), erhöht sich der Übungsaufwand immens. Um beim ausdauernden Üben Langeweile zu vermeiden und neue Reizangebote zu schaffen, sollte man wiedererlernte Bewegungen in einen neuen Kontext transferieren (z.B. hohe Gehgeschwindigkeit wird zuerst über mehrere Minuten auf dem Gangtrainer gehalten und anschließend in der Grünphase der Ampel neben dem Therapiezentrum abgerufen). Repetitives Gangtraining wird durch moderne Therapeuten zudem durch Herausforderungen „bereichert“ – Zuerst steht ein Spiegel vor dem Laufband, dann ein Fernseher. Oder der Therapeut wirft der Patientin einen Schaumstoffball zu, während sie auf dem Gangtrainer geht.
Gute Resultate im Sport erhält man nur, wenn man hart und ausdauernd an der Leistungsgrenze trainiert. Für die Therapie von Bewegungsstörungen gelten die gleichen Spielregeln. Die Leistungsgrenze kann bei Schwerbetroffenen natürlich sehr weit von der eines gesunden Menschen abweichen. Was aber jedes Training auf jedem individuellen Niveau verbindet ist, dass nur ein Training an der Leistungsgrenze in der Lage ist, diese zu verbessern! Gute Therapeuten schaffen es, dass Patienten sich permanent auf dem schmalen Grat zwischen Über- und Unterforderung befinden. So kann die Leistungsgrenze systematisch gesteigert werden. Schwerbetroffene können daran arbeiten, wieder aufrecht zu sitzen. Stehfähige, wieder die Knie ansteuern. Beschränkt Gehfähige konzentrieren sich darauf, ihre Gehgeschwindigkeit zu erhöhen, und unsicher Gehende erarbeiten sich verbesserte Gangsymmetrie und Steigerung der Schrittgrösse.
„Wer gehen will, muss gehen!“.

Gehbehinderte Patienten müssen gezielt und in realistischer Art und Weise jene Fähigkeiten trainieren, die sie erhalten oder wiedergewinnen möchten. Nur wer sich mit einer gestellten Aufgabe wirklich identifizieren kann, findet auch den Antrieb, um konzentriert über einen längeren Zeitraum zu üben.

Die alltagsrelevante Gehgeschwindigkeit beträgt 2.6km/h über 300m und 4.8km/h über 27m zum Überqueren einer Fußgängerampel. Zudem ist es wichtig, dass man dabei beim Gehen den Kopf drehen kann. Werden die dafür notwendigen motorischen Fähigkeiten nicht gezielt trainiert, kann das Ziel „überqueren der Ampel bei grün“ auch nicht erreicht werden. Es geht beim aufgabenorientierten Arbeiten nicht nur darum die Motorik zu schulen, sondern auch darum eigene Strategien zur Problemlösung zu finden und anzuwenden.

Die Durchführung einer dem Patienten gestellten Aufgabe muss in jedem Fall durch ein Feedback unterstützt werden. Gute Therapeuten können unterschiedliche Arten von Feedback nutzen, um den Patienten gezielt zu fordern und fördern. Eine Vielzahl an Studien hat die Auswirkung von intrinsischem und extrinsischem Feedback auf das Therapieergebnis untersucht. Wichtig ist zum Beispiel, dass der Patient stets einschätzen kann, wo sein Leistungsstand liegt, und dass nicht nur über die Bewegungsdurchführung Feedback erfolgt, sondern auch quantitativ kommuniziert wird. Zum Beispiel: „Herr Müller, heute haben Sie 10 Minuten im Stehtrainer gestanden, morgen versuchen Sie es 15 Minuten!“.
Der Aufmerksamkeitsfokus beeinflusst wesentlich die Bewegungsdurchführung des Patienten. Richtet der Patient seine Aufmerksamkeit nur auf die eigene Bewegungsdurchführung, hat sich dies, bezogen auf das motorische Lernen, als ineffektiv erwiesen. Richtet er aber die Aufmerksamkeit auf den Effekt der durch die Bewegung auf die Umwelt oder ein zu manipulierendes Objekt entsteht, so hat das eine positive Auswirkungen auf die Bewegungsdurchführung und die Lernergebnisse.

Moderne Therapeuten arbeiten hier mit Hilfe von Fokusverschiebung (z.B. wird ein Patient nicht aufgefordert, schneller zu gehen, sondern man simuliert eine virtuelle Gehstrecke und setzt eine Zeit an. Oder der Patient wird nicht aufgefordert den Arm zu strecken, sondern einen bestimmten Gegenstand – eine Tasse, ein Schlüssel, ein Mobiltelefon, etc. – zu greifen). Die Effizienz einer Bewegung beim externen Fokus ist höher, und die Anstrengung, ein Bewegungsziel zu erreichen, kann reduziert werden.

Die Motivation des Patienten ist das Wichtigste an einer erfolgreichen Gangrehabilitation. Unterstützen kann der Therapeut den Patienten zum Beispiel dabei, indem er

  • sein Selbstvertrauen steigert
  • das Vertrauen des Patienten erhöht, dass sich sein Zustand durch selbstständiges und aktives Üben verbessert
  • Durch Anpassung der Übungen kontinuierliche Erfolgserlebnisse vermittelt
  • Den Therapieerfolg auch an kleinen, kurzfristigen Verbesserungen misst und dem Patienten vermittelt

Der Wiedererwerb der eigenen Unabhängigkeit ist auch mit sehr hoher Therapiequalität ein langer und beschwerlicher Weg für den Patienten. Auch unsere Patientengeschichten erzählen davon – Die Förderung der Motivation des Patienten durch den Therapeuten ist entscheidend. Sprechen Sie mit Ihrem Therapeuten darüber!