Arten der Gangtherapie

Overground Walking oder ‚konventionelles Gangtraining‘ bezeichnet das Trainieren der Gehfähigkeit durch unterstütztes Gehen über den Boden. Als Hilfsmittel werden oft Schienensysteme eingesetzt, neuerdings aber auch mobile Entlastungssysteme wie zum Beispiel den e-go. Das Overground Walking ist auch am Geländer / Barren möglich, oder aber mit Unterstützung durch einen oder mehrere Therapeuten.

Overground Walking ermöglicht es Betroffenen, in einem geschützten Rahmen unabhängige Schritte zu machen. Das sensomotorische Feedback durch den Boden stimuliert zudem die neuronale Reaktion, man ‚spürt wieder Boden unter den Füßen‘. Um bei beschränkt gehfähigen oder nicht gehfähigen Patienten wieder eine alltagstaugliche Mobilität zu erreichen ist Gangtherapie mittels reinem Overground Walking jedoch nicht geeignet, da die für erfolgreiches motorisches Lernen zentralen Kompenenten Intensität, Repetition und Spezifizität fehlen. Dafür ist ein intensives und hoch dosiertes robotikgestütztes Training erforderlich (vgl. Fakten aus der Forschung). Das Overground Walking ist bei nur leicht eingeschränkten Patienten zielführend, wenn es in hoher Intensität durchgeführt wird (oder etwas einfacher ausgedrückt: Wer schon verhältnismäßig gut, sicher, und schnell gehen kann, sollte das Gehen möglichst oft auf dem Boden trainieren).

Bei der Gangtherapie auf einem medizinischen Laufband wird der Patient durch ein Gewichtsentlastungssystem gesichert. Dabei kann sein Körpergewicht partiell entlastet werden. Ein zertifiziertes, medizinisches Laufband mit Gewichtsentlastung ist ein Muss in jeder neurologischen Rehaklinik. Typische moderne Laufbandhersteller für neurologische Patienten sind beispielsweise H/P Cosmos oder Zebris.

Wichtig ist das Laufbandtraining gerade bei bereits gehfähigen Patienten zur Verbesserung der Ausdauer. Bei nicht gehfähigen Patienten wurden in diversen klinischen Studien jedoch keine signifikanten Unterschiede zum Overground Walking festgestellt. Die für erfolgreiches motorisches Lernen zentralen Kompenenten Intensität, Repetition und Spezifizität werden durch Laufbandtraining bei beschränkt gehfähigen oder nicht gehfähigen Patienten nicht erreicht. Dafür ist zuerst ein intensives und hoch dosiertes robotikgestütztes Gangtraining erforderlich. Wichtig ist auch der Aspekt des Gangbildes: Je häufiger und länger ein Patient mit schlechtem Gangbild trainiert, desto länger muss man daran arbeiten, sein Gehirn und seinen Bewegungsapparat wieder ‚neu zu programmieren‘. Dabei geht es nicht in erster Linie um ästhetische Aspekte, sondern um sehr alltagsrelevante Therapieziele wie Sicherheit / Sturzgefahr, Tempo, Symmetrie, Schädigung durch Kompensationsbewegungen, Unabhängigkeit von Hilfsmitteln, etc.

Standing / Balancing hilft beim Wiedererwerb der posturalen Kontrolle („Hüftkontrolle“) und damit der Stehfähigkeit, eine zentrale Grundvoraussetzung für selbstständiges Gehen. Bei beschränkt gehfähigen oder nicht gehfähigen Patienten ist das Standing / Balancing die  wichtigste Ergänzung zum robotikgestützten Gangtraining. In zeitgemäßen Rehabilitationseinrichtungen wird Standing/Balancing meist als Vorbereitung oder Ergänzung zum robotikgestützten Gangtraining durchgeführt (z.B. 20 Minuten Stehtraining zur Kräftigung, 20 Minuten auf dem Gangtrainer für Intensität und Spezifizität, 5 Minuten geführtes Overground Walking für Sensomotirisches Feedback, danach Regeneration).

Aktiv / Passivtraining am Bewegungstrainer ist die ideale Ergänzung zu Gang- und Stehtraining zur schrittweisen Erhöhung der Aktivität und Ausdauertraining. Moderne Geräte verfügen über Biofeedback. Je nach Programm und Regenerationszeit wird das Bewegungstraining als Vorbereitung auf die Gangtherapie (Standing / Robotik / Overground) oder zeitlich getrennt durchgeführt (z.B. Vormittag / Nachmittag). In modernen Einrichtungen etabliert sich gerade für Schlaganfallpatienten zunehmend die Behandlungskette Stehtrainer – Bewegungstrainer – Endeffektor Gangtrainer – Laufband.

Robotikgestütztes Gangtraining mit Exoskelett ist die Rehabilitation mittels einer robotergesteuerten und durch Servomotoren angetriebenen äußeren Stützstruktur auf dem Laufband. Es erlaubt auch das Gangtraining mit Schwerstbetroffenen. Zunehmende Verbreitung findet auch das Gangtraining mit Exoskelett auf dem Boden. Es zeichnet sich ab, dass in Zukunft auch Geräte existieren werden, mit denen nicht gehfähige Patienten ein Exoskelett anstelle eines Rollstuhls ohne Beaufsichtigung verwenden und damit aufrecht gehen können (sprich das Exoskelett entwickelt sich weg vom reinen Gangtrainer hin zum Hilfsmittel im Alltag).

Beim Exoskelett Gangtraining existiert eine Vielzahl von individualisierbaren Einstellungsmöglichkeiten. Es ist technisch die komplexeste Methode, robotikgestütztes Gangtraining durchzuführen und erlaubt eine schrittweise Überführung von passiv zu aktiv. Aufgrund der vielen individualisierbaren Einstellungsmöglichkeiten sind beim Exoskelett hohe Rüstzeiten nötig.

Beim robotikgestützten Gangtraining mit einem Endeffektor Gangtrainer ist ein hochdosiertes Training möglich. Je nach Gerät erlaubt es auch ein Training mit Schwerstbetroffenen. Sobald Patienten eine minimale posturale Kontrolle (Hüftstabilität) erreicht haben, wird auf dem Endeffektor Gangtrainer dank kürzerer Rüstzeiten eine deutlich höhere Dosierung der Gangtherapie als beim Exoskelett erreicht.

Beim Endeffektor wird eine maximale Eigenaktivität in der Standbeinphase gefördert, was für selbstständiges Gehen zentral ist. Dies könnte einer der Gründe sein, warum der Endeffektor Gangtrainer zumindest bei Schlaganfallpatienten einen besseren wissenschaftlichen Nachweis erbringen konnte als das Exoskelett (vgl. Facts der Forschung). Die Deutsche Gesellschaft für Neurorehabilitation e.V. sprach kürzlich aufgrund guter Studienlage sogar eine Empfehlung für Endeffektor Gangtrainer bei nicht gehfähigen Schlaganfall-Patienten aus. Endeffektor Gangtrainer sind zunehmend auch in auf Gangtherapie spezialisierten ambulanten Praxen verbreitet. Mit modernen Endeffektor Gangtrainern kann je nach Hersteller in 30 Minuten Therapie bis zu 25 Minuten reine Trainingszeit erreicht werden.